Hirschauer, Stefan (Hg.) 2017: Un/Doing Differences. Praktiken der Humandifferenzierung. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft

In der differenzierten und individualisierten Gegenwartsgesellschaft unterscheiden Menschen einander durch eine wachsende Vielfalt durchmischter und situativ kontingenter Merkmale wie Nationalität, Ethnizität, Geschlecht, Alter, Klasse, Sprache und Religion, nach politischer und sexueller Orientierung, Leistungsfähigkeit, Attraktivität und Konsumpräferenzen.

Diese Praktiken der Humandifferenzierung wirken in Interaktionen, Institutionen und Diskursen teils in Verbindung miteinander, teils im Verdrängungswettbewerb mit anderen Unterscheidungen.

Ihrem ›doing‹, dem praktischen oder diskursiven Vollzug und institutionellen Aufbau, entspricht daher immer auch ein ›undoing‹, eine Überlagerung und Außerkraftsetzung durch andere. Unter welchen Bedingungen setzen sich welche Differenzierungen durch, wann werden sie irrelevant?

Der vorliegende Band versammelt zur Beantwortung dieser Fragen theoretische und empirische Analysen aus der Soziologie, Ethnologie, Amerikanistik, Linguistik und Theaterwissenschaft und geht den Konjunkturen der Humandifferenzierung in Politik, Kunst und Medien, Sport und Bildung, Medizin und Kultur, in Nationalfeiern, Jugendszenen und bei der Namensgebung nach.

Mit Beiträgen von: Peter Auer, Mita Banerjee, Timo Heimerdinger, Bettina Heintz, Stefan Hirschauer, Herbert Kalthoff, Friedemann Kreuder, Matthias Krings, Carola Lentz, Marion Müller, Armin Nassehi, Damaris Nübling und Oliver Scheiding.

Links:

Boll, Tobias (2017): Soziale Praktiken mit Haut und Haaren. Alltagssemiotik und praktische Ontologie körperlicher Randbereiche. In: Sozialmagazin. Die Zeitschrift für Soziale Arbeit 42 (1-2), 20-26

Zusammenfassung: Der Beitrag schaut soziologisch am Alltagsverständnis von Haut und Haaren vorbei und stellt zwei Modelle ihrer Konstruktion in sozialen Praktiken vor: Semiotische Praktiken versehen Haut und Haare mit Bedeutungen und machen sie zu Markern für soziale Zugehörigkeiten. Ontologische Praktiken etablieren zuallererst, was Haut und Haare sind und damit die multiplen Grenzen von Körpern und Personen.

 

 

 

Heimerl, Birgit/Hofmann, Peter (2016): Wie konzipieren wir Kinderkriegen? Normativer Rationalismus versus empirische Praxisforschung. In: Zeitschrift für Soziologie 45 (6): 410–430

Zusammenfassung: Wie geht Kinderkriegen? Im Alltag lautet die Antwort Sex – Schwangerschaften resultieren aus Geschlechtsverkehr und Befruchtung. Sozialwissenschaftliche Studien führen sie dagegen auf ein (rationales) Entscheidungshandeln von Paaren zurück. Diesem unterliegen ‚Fertilitätsintentionen‘, denen ein entsprechendes ‚Fertilitätsverhalten‘ korrespondiert. Theoriegrundlage bilden Rational-Choice- und kognitionspsychologische Ansätze. Der Aufsatz wird diese Modellbildung hinterfragen, da sie das Kinderkriegen in seiner lebensweltlichen Komplexität nicht nur empirisch ausklammert, sondern auch normativ idealisiert und dabei dessen sozialen Eigensinn verfehlt. Weiterlesen

Schindler, Larissa (2016): Eine Kampfkunst lernen oder: Schweigsame Wissensvermittlung im Sport. In: Paragrana 25 (1): 361-372

Zusammenfassung: Seit geraumer Zeit beschäftigt sich die Soziologie mit der Thematik des „Körperwissens“: Von Marcel Mauss’ These der Körpertechniken über Schütz’ Ausführungen zu Fertigkeiten, Bourdieus Thesen zum Habitus bis hin zu einer Reihe aktueller Arbeiten reicht der Bogen. Ich beschäftige mich im Folgenden mit dem Phänomen der schweigsamen Wissensvermittlung aus mikrosoziologischer Perspektive. Anhand von empirischem Material aus einer ethnografischen Studie in einem Kampfkunstverein gehe ich der Frage nach, wie in der alltäglichen Praxis des Trainings ein zum großen Teil im Medium des Körperlichen operierendes Wissen vom Trainer an die Schüler/-innen weitergegeben wird. Weiterlesen

Hirschauer, Stefan (2016): Diskurse, Kompetenzen, Darstellungen. Für eine Somatisierung des Wissensbegriffs. In: Paragrana 25 (1): 23-32

Zusammenfassung: Der Beitrag skizziert drei Optionen einer konzeptuellen Verknüpfung von Körper und Wissen. Sie sind mit den Begriffen Diskurs, Kompetenz und Darstellung verbunden und betrachten das Wissen als etwas, das man über den Körper „haben“ kann, etwas, das im Körper „sitzt“, oder als etwas, das über Körper zirkuliert. Weiterlesen

Hirschauer, Stefan/Hoffmann, Anika/Stange, Annekathrin (2015): Paarinterviews als teilnehmende Beobachtung. Präsente Abwesende und zuschauende DarstellerInnen im Forschungsgespräch. In: Forum Qualitative Sozialforschung 16 (3): Art. 30

Zusammenfassung: In diesem Aufsatz schlagen wir eine Perspektive auf Paarinterviews als Formen teilnehmender Beobachtung vor. Ihre Betrachtung als Forschungsgespräche, in denen "InformantInnen" "Auskünfte" geben, wird zu wenig dem Umstand gerecht, dass es sich um je spezifische soziale Situationen handelt, deren Verlauf und praktische Verwendung durch die Teilnehmenden zu verstehen ist. Weiterlesen